Aufgrund der schwierigen Lebensbedingungen blieb die Arktis lange Zeit unbewohnt. Einige indigene Völker – darunter auch die Inuit – passten sich an das raue Klima an und entwickelten ihre eigenen Kulturen. Da die Arktis Jahrtausende lang von der restlichen Zivilisation abgeschnitten war, blieben die Traditionen weitestgehend bestehen. Die raue Landschaft hat lange Zeit auch die Glaubenswelt der Inuit und ihr Verhältnis zum Tod geprägt. Doch heute ändert sich das Leben der Inuit grundlegend.

Wer waren die Inuit?

Als Eskimos bezeichnen wir die indigenen Völker, die sich in Alaska, Nordkanada, Grönland und Sibirien angesiedelt haben. Sie selbst nennen sich Inuit. Der Begriff stammt aus dem Inuktitut, ein Dialekt der hauptsächlich im ostkanadischen Territorium Nunavut gesprochen wird. Übersetzt bedeutet er „Menschen“. Dieses Volk ist insofern bemerkenswert, als dass sich bereits 3.000 v. Chr. die ersten Siedler an die Lebensumstände in den arktischen Gebieten anpassten und somit über Jahrtausende hinweg ohne technische Hilfsmittel überleben konnten.

Da das Klima im Lebensraum der Inuit weder Landwirtschaft, noch das Sammeln von Früchten und anderen Nahrungsmitteln zuließ, entwickelten sie sich zu ausgezeichneten Jägern. Auf dem Speiseplan standen meist Fisch und diverse Meeressäuger. Die Jagdgebiete richteten sich jeweils nach den Jahreszeiten und der damit verbundenen Wanderung der Beute. So wurden die Inuit zu einem Leben als Nomaden gezwungen.

Die Bedeutung von Körper und Seele im Glauben der Inuit

Bei dieser Verbundenheit mit der Natur ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den eskimoischen Bevölkerungsgruppen der Animismus verbreitete. Diese Religion basiert auf dem Glauben, dass auch Tiere, Pflanzen und Gegenstände eine menschenähnliche Seele in sich tragen. Die Gemeinschaft aller Seelen ist gleichzeitig das bedeutendste Geisteswesen bei den Eskimos und wird es Sila genannt. Seelen spielen im Leben und dem Tod der Inuit eine große Rolle. Wichtige Erkenntnisse zur Bedeutung von Körper und Seele lieferte der Polarforscher Knud Rasmussen bei seinen Grönlandreisen.

Er fand heraus, dass der menschliche Körper nach Auffassung der Inuit lediglich die sterbliche Hülle eines Menschen ist, die ihn in der irdischen Welt für jeden sichtbar macht. In dieser Hülle befindet sich das, was den eigentlichen Charakter und das Leben eines Menschen ausmacht – die Seele. Körper und Seele bewegen sich nicht auf derselben Ebene. Die Seele wandelt in einer eigenen spirituellen Welt und ist für die Inuit die Ursache alles Guten, aber auch alles Bösen, wie zum Beispiel Krankheiten. Beeinflusst werden können Seelen nur durch Schamanen, die als Brücke zwischen der irdischen und der spirituellen Welt dienen. Bei besonderen Anlässen, wie der Geburt oder dem Tod eines Stammesmitglieds, führen die Schamanen spirituelle Tänze und Rituale auf, um mit den Geistern in Kontakt zu treten.

Die Inuit führen zu besonderen Anlässen wie zum Beispiel der Geburt oder dem Tod von Mitgliedern besondere Tänze und andere Rituale auf.

Seelenwanderung und Reinkarnation

Die Inuit glauben, dass die Seele eines Menschen unsterblich ist. Nach dem Tod verlässt sie den Körper und zieht in eines der beiden Totenreiche weiter. Ähnlich wie bei vielen anderen Kulturen wird unterschieden zwischen einem Himmelsland und der unteren Welt. Obwohl die Seele in den Totenreichen weiterlebt, spielt auch die Reinkarnation eine Rolle in der Religion der Inuit. Allein durch den Körper und die Seele ist ein Mensch noch nicht komplett. Auch der Name, der einem Inuit gegeben wird, hat eine wichtige Bedeutung für sein ganzes Leben. Neugeborene erhalten in der Regel den Namen eines kürzlich verstorbenen Stammesmitgliedes. So lebt der Name, der eng mit der Seele verbunden ist, auch nach dem Tod in der irdischen Welt weiter. Dadurch soll das Kind sein ganzes Leben lang durch die Seele seines Namensgebers geschützt werden.

Jede Kultur hat ihre eigenen Bestattungsbräuche. Und jede Kultur hat eine eigene Art der Trauerbewältigung, zum Beispiel durch Trauersprüche oder bestimmte Rituale. So hat auch die Inuit ihre eigenen Bestattungsbräuche. Nach der Seelenwanderung des Verstorbenen wird der leblose Körper bestattet. Wegen ihres Nomadenlebens hatten die Inuit lange Zeit keine klassischen Grabstätten. Für gewöhnlich wurde der Leichnam von den Frauen des Stammes gewaschen und in ein Fell oder eine Decke gehüllt. Anschließend schafften die Inuit den Körper von ihrer Siedlung fort und errichteten über ihm einen Steinhügel zum Schutz vor Tieren.

Die Kultur der Inuit früher und heute

Die Kulturen der Inuit früher und heute unterscheiden sich sehr stark. Erste Kontakte mit den Weißen brachten den Eskimos nicht nur neue Krankheiten, sondern änderten ihre Lebensweise grundlegend. Um in der modernen Wirtschaft bestehen zu können, beendeten die Inuit nach und nach ihr Nomadenleben. Sie wurden sesshaft und siedelten sich in einfachen Holzhäusern an. Für den Handel mit den industriell entwickelten Ländern benötigten die Inuit Geld, weshalb sie zunächst versuchten, sich mit der Jagd und dem Verkauf von Fellen über Wasser zu halten. Da bezahlte Jobs in der Arktis knapp sind, wurde von den Regierungen auch eine Schulpflicht für die Inuit eingeführt. So bekommen die Kinder die Möglichkeit, sich in die industriell entwickelten Kulturen zu integrieren. Allerdings führte diese Schulpflicht zu einem Verfall des Inuktitut – der Sprache der Inuit.

Auch der Glaube der Inuit änderte sich. Missionare brachten viele Eskimo-Völker dazu, zum Christentum zu konvertieren. Dies hatte zur Folge, dass viele traditionelle Rituale und Bräuche in Vergessenheit gerieten. Der Glaube an Seelen und Geistwesen musste den Lehren der Bibel weichen. Heute glauben fast alle Bewohner der Arktis an Jesus Christus. Gottesdienste werden in eigenen Inuit-Kirchen gefeiert.

Das Territorium Nunavut

Da die Traditionen der Inuit ein kostbares Gut sind, werden viele Maßnahmen zu deren Erhalt unternommen. Im Nordosten Kanadas wurde beispielsweise das Territorium Nunavut gebildet, das von den Inuit selbst verwaltet wird. Die traditionelle Lebensweise wird dort noch weitestgehend gepflegt – vor allem die Erzählung von Mythen, Tanz und Musik. Neben Englisch und Französisch zählt Inuktitut noch immer zu den Amtssprachen. Die wichtigsten Einnahmequellen für die Wirtschaft Nunavuts sind die Fischerei, der Verkauf von Kunststücken und der Tourismus. Reisende erleben dort die Traditionen und Kulinarik der Inuit, sowie atemberaubende Landschaften und das Tierreich der Arktis.

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