Im Herzen Österreichs, mitten in den Ennstaler Alpen, liegt das Gesäuse. Benannt wurde diese Region nach dem Sausen und Brausen des Wildwasserflusses Enns, der hier durch die Landschaft rauscht. Das klare Wasser fließt von den umliegenden Bergen hinunter, deren gewaltige Gipfel in den blauen Himmel ragen. Das Hochtor mit seinen 2.369 Metern und der große Ödstein bieten nicht nur eine imposante Gebirgskulisse, diese Felsen sind auch als „Universität des Bergsteigens“ bekannt. Seit über 150 Jahren ist das Gesäuse in der Steiermark eine der beliebtesten Landschaften für Kletterer aus Österreich und der ganzen Welt.

Johnsbach – Paradies für Kletterer und Naturliebhaber

Das beschauliche Johnsbach ist die richtige Adresse für alle, die das Gesäuse kennenlernen wollen. Hier ist der ideale Ort, um Erkundungstouren durch Österreichs drittgrößten Nationalpark zu starten. Die Menschen kommen nicht nur zum Erklimmen steiler Höhen hierhin, auch Wandern, Skifahren und Wildwasserrafting ist möglich.

Die Zeit in Johnsbach scheint stehengeblieben zu sein. Das Dörfchen zählt nur etwa 150 Einwohner und hat sich nie den Verlockungen des Massentourismus hingegeben. Keine modernen Hotelbauten, keine Seilbahnen und Skilifte stören den Ausblick auf die alpine Landschaft. Die dörfliche Infrastruktur der letzten Jahrhunderte hat sich erhalten.

Wer von dieser Dorfidylle ins Gesäuse aufbricht, kommt am unteren Johnsbachtal an einer kleinen Kirche vorbei, die an einem bewaldeten Hang steht. Hier befindet sich ein Ort, an dem viele wagemutige Kletterer ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der Bergsteigerfriedhof Johnsbach ist eines der bekanntesten und größten Grabfelder für verunglückte Alpinisten. Hier liegen etwa 100 Menschen beerdigt, denen die Berge zum Verhängnis geworden sind. Die meisten von ihnen fanden in den Anfangsjahren des Alpinismus den Tod.

Die ersten Touristen kamen kurz nach dem Bau der Kronprinz-Rudolf-Bahn, der Anbindung Wiens an weite Teile der Alpen. Ab 1872 verband sie das Gesäuse mit größeren Knotenpunkten und eröffnete tausenden von Menschen den Zugang in die prächtige, bis dahin abgelegene Berglandschaft. Schon 1876 wurden die ersten Toten beklagt, die hier durch Stürze oder plötzliche Wetterumbrüche ums Leben kamen.

Idyllisch gelegen in der Steiermark: Johnsbach, einer der größten Bergsteigerfriedhöfe der Welt (Foto: Ernst Kren/Tourismusverband Gesäuse)

Wandel der Bergsteigerethik

Einer, der die Geschichte des Gesäuses kennt wie kaum jemand sonst, ist der Historiker und Bergsteiger Josef Hasitschka. Er ist hier aufgewachsen und seit seiner Jugend ehrenamtlich bei der Bergrettung tätig. Für sein Buch „Der Bergsteigerfriedhof in Johnsbach“ hat er sich mit den Schicksalen dort vertraut gemacht und kennt die Entwicklung wie kein Zweiter: „Damals hatten die Menschen noch eine ganz andere Einstellung zum Bergsteigen und der Natur insgesamt. Vielen ging es darum, den Berg zu ‚bezwingen‘, koste es, was es wolle, auch wenn das eigene Leben dabei draufgeht. Man sah die Kletterei als einen Kampf an, bei dem die Felsen am Ende ‚besiegt‘ wurden. Das widerspricht ganz und gar der modernen Bergsteigerethik. Heute gehen wir vorsichtig und besonnen an einen Berg und haben unsere Freude dabei. Wenn es einmal nicht mehr weitergeht, drehen wir um. Nichts muss beim Klettern be- oder erzwungen werden.“

Neben dem Wandel der Einstellung führen weitere Faktoren, wie sicherere Bergsteigerausrüstungen und bessere Schulungen dazu, dass heutzutage weniger Menschen verunglücken. Auch werden beliebte Kletterrouten regelmäßig restauriert, sodass es kaum noch Unfälle im Gesäuse zu beklagen gibt. Seit den 1980ern gab es hier keine Bestattung eines verunglückten Auswärtigen mehr.

Aber auch wenn sich die Einstellung geändert hat und es verbesserte Sicherheitsmaßnahmen gibt, ist das Bergsteigen heute immer noch kein gefahrloses Vergnügen. Auch extrem geübte Kletterer liegen hier in Johnsbach beerdigt. Plötzliche Wetterstürze können selbst den erfahrensten Bergsteiger überraschen und verunglücken lassen. Bei der Auflistung der Schicksale will Hasitschka keine Wertung vornehmen. „Wir dürfen weder in Heroisierung noch in Verurteilung der Bergtoten verfallen.“

Ist hier der Bergsteigerhimmel?

Vom Johnsbacher Bersteigerfriedhof hat man eine fantastische Aussicht auf das Tal, den Großen Ödstein und die umliegenden Berge. Man kann sich gut vorstellen, dass hier für einen passionierten Bergsteiger der ideale Ort für die letzte Ruhe ist. Die meisten Angehörigen der Verunglückten waren damit einverstanden, dass ihre Liebsten nicht etwa im heimatlichen Friedhof oder in einem nahen Friedwald beigesetzt wurden, sondern hier, inmitten der Natur, wo ihre Leidenschaft sie hingezogen hatte. Aber es hat auch praktische Gründe, dass hier viele Touristen liegen. Die Rückführung von Toten über weite Strecken war vor hundert Jahren noch komplizierter und kostenaufwändiger als heute. Menschen in einfachen sozialen Verhältnissen konnten sich solch einen Transport nicht leisten.

Unabhängig, wie jemand an diesem besonderen Ort geendet ist, die Menschen und der Friedshofwärter kümmern sich fürsorglich um die Instandhaltung des Friedhofs und die Pflege der Gräber. Da spielt es keine Rolle, ob der Verstorbene hier gelebt hat und auf dem Feld des Dorffriedhofes beerdigt ist, oder ein Tourist war, der im Gebirge sein Ende gefunden hat und auf der anderen Seite liegt. Der Johnsbacher Bergsteigerfriedhof ist Kulturgut und steht unter Denkmalschutz, grundlegende Veränderungen sind also ausgeschlossen. Der Bergrettungsdienst sammelt von Zeit zu Zeit für einzelne Restaurierungen, ansonsten kümmert sich die örtliche Friedhofsgärtnerin, dass alles schön bleibt.

Wer in Johnsbach zu Besuch ist, sollte sich einen Spaziergang über den Bergsteigerfriedhof nicht entgehen lassen. Nicht nur, dass man hier einen wundervollen Ausblick auf das Gesäuse hat, auch die Grabsteine und Gedenktafeln selber laden zum Verweilen ein. An jedem Grab eines Bergsteigers steht geschrieben, wann und wie ihn das Glück verlassen hat. Es ist ein Ort des Nachdenkens und der Reflexion über die Vergänglichkeit. Aber wenn der frische Wind einen umweht und man das Sonnenlicht auf den Berggipfeln sieht, packt einen dann doch die Lust auf das Leben und die Natur.

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